Predigttext

Ex 16, 2-3.11-18

Liebe Gemeinde,

früher hatte Frau Maier mit ihrem kleinen Sohn David keine Probleme. Er hat schon früh durchgeschlafen, brauchte schon lange vor dem Kindergarten keine Windeln mehr, und auch die Eingewöhnung in den Kindergarten verlief ohne Probleme. David ist jetzt sechs, fast sieben. Der Abschied aus dem Kindergarten ist ihm schwer gefallen, zumal sie in der Römerstraße keinen eigenen Garten haben. Sie kann mit ihrem Sohn zwar runter, aber das war jedesmal ein kleiner Ausflug. Die Schule hat ihrem Sohn gut gefallen, er kommt auch gut mit seinen Mitschülern klar, die er ja teilweise auch aus dem Kindergarten kennt, aber es gibt jetzt doch seit einem halben Jahr Probleme. Erstens macht er nachts wieder ins Bett, und dafür hat Frau Maier überhaupt keine Nerven mehr. Ihr Mann ist auf Montage, er kommt nur übers Wochenende, dann ist er so erschöpft wie sie, und zwei Erschöpfte haben nichts zu verschenken. Aber David wird auch immer aggressiver in der Schule, er schlägt einfach zu, wenn ihm was nicht passt, und er stiehlt. Vor allem mag sie sich selbst nicht mehr. Sie mag sich nicht, wenn sie ihren Sohn dauernd anherrscht; sie merkt, wie sie immer weniger Geduld hat und die guten Momente mit ihm immer seltener werden. Da klingelt es wieder an der Tür, halb zwei, das ist er wieder. Bin gespannt, was er heute wieder veranstaltet hat in der Schule. Sie macht David auf, aber er steht da in Tränen aufgelöst und stürzt sofort auf sie zu. Alles vergessen, in den Arm nehmen. Andere Schüler haben sich den ganzen Tag über ihn lustig gemacht, weil er ins Bett macht. Frau Maier setzt sich ihren Sohn auf den Schoß, lehnt sich auf dem Sofa zurück, und David kuschelt sich ganz eng an sie. Sie sagt nichts. Sie streichelt David nur die ganze Zeit über den Kopf, und er will auch nur genau das. Wie lange haben sie das schon nicht mehr gemacht; immer nur schlechte Laune, Streit. Sie möchte am liebsten den ganzen Tag so mit ihm dasitzen. Sie spürt, wie sein kleiner Körper immer schwerer wird. Er ist ja doch noch so klein, so klein, denkt sie. KLINGELTON Das Telefon, wer ruft denn jetzt an? Nein, also jetzt wirklich nicht. Aber was, wenn es die Praxis ist? Die wollten doch anrufen, ob sie das Rezept für Davids Creme holen kann oder nicht, und er braucht diese Creme dringend für seine Arme. Frau Maier steht auf, David sagt nichts, lässt zu, dass sie ihn aufs Sofakissen legt. Ach Sie sind's, Frau Sternbeck. Ja, ich hab' noch Eier. Sie haben was?! Also gut, dann komm' ich schnell hoch und bring' sie Ihnen. - David, ich muss schnell hoch zu Frau Sternbeck, hast ja gehört, aber bleib einfach da, ich bin gleich wieder hier, und dann hab' ich Zeit. - Als sie wieder kommt, ist David gar nicht mehr da. Fahrrad ist auch weg, ist wohl auf den Spielplatz. Als sie dann ins Wohnzimmer kommt, sieht sie es: Er hat alle Gläser aus der Schrankwand geholt und auf die Fliesen geknallt. Tausend Scherben.

Nicht genug, liebe Gemeinde, es war einfach nicht genug, nicht genug Liebe, nicht genug Zärtlichkeit in diesem Moment, nicht genug Aufmerksamkeit, nicht genug Zuwendung. Endlich, nach sechs Monaten kam der Moment, den diese beiden so dringend gebraucht hätten, wo sie sich hätten geben können, was ihr Herz so dringend brauchte, und sie haben es sich auch gegeben, aber nicht genug. Der Herr aber sprach: Jeder nehme so viel er braucht. Dieser Satz hat mich sehr beschäftigt. Ich weiß, damit ist in erster Linie gemeint, dass die Israeliten das Manna nicht einlagern dürfen, dass also niemand mehr nimmt, als er braucht. Aber es ist natürlich auch die Einladung, tatsächlich so viel zu nehmen, wie ich brauche. So viel ich brauche, das ist Gottes Einladung. Wie oft haben wir das schon erlebt, dass das Gute, das Schöne aufhörte, bevor wir satt waren. Wären gerne mehr gestreichelt worden als Kinder, öfter, aber es ging nicht. Hätten gerne mehr von den lieben Worten gehört, aber es war keine Zeit mehr. Hätten gerne mehr Lob gehört bei der Arbeit über das, was uns da gelungen ist. Mehr Trost erfahren, als wir gescheitert sind. Eine Frau sagte mal zu mir: Wie oft sagt mein Mann zu mir: Ich hab' Dich lieb, aber nie: Es tut mir leid. Wann bekommen wir schon mal so eine Einladung: So viel essen, wie du brauchst, so viel Zuwendung, wie du brauchst, so viel Zuhören, soviel Lob, so viel Trost, Liebe, wie du brauchst. Wenn wir wirklich satt wären von all dem, wie viel könnten wir einander geben. Viele trauen sich gar nicht mehr zu sagen, was sie brauchen. Wer sagt schon: Ich brauche mehr Besuch von dir, ich brauche, dass du länger da bist. Ich brauche, dass du länger weg bist, dass ich mehr für mich sein kann. Wer sagt schon: Ich brauche mehr Lob, mehr Anerkennung. Wer sagt: Ich brauche Entlastung, kannst Du mal übernehmen? Ich brauche, dass du mich abends lobst, weil ich den ganzen Tag die Kinder hatte. Ich brauche, dass du mir zuhörst, wenn ich von der Arbeit erzähle, auch wenn es oft dasselbe ist. Viele wissen auch nicht mehr, was sie brauchen, da niemand danach fragt. Oder sie reden sich ein, dass sie eigentlich etwas ganz anderes brauchen, und anstelle von Zuhören brauchen sie dann unbedingt ein neues Handy; anstelle von Zuwendung brauchen sie unbedingt den Urlaub auf Mallorca. Was kaufen oder machen wir nicht alles, weil wir gar nicht mehr wissen, was unser Herz wirklich braucht. Petrus sagt: Das sind Brunnen ohne Wasser.

Das Manna in der Wüste hat die Menschen auch nicht satt gemacht. Einige wollten auf Nummer sicher gehen und doch einlagern, aber da war alles verdorben. Anderen hing das Manna bald zum Hals heraus. Vielleicht wussten sie auch nicht mehr genau, was sie wirklich gebraucht hätten. Jesus wusste das. In Kapernaum hat er mit den Menschen genau darüber gesprochen, er sagte: Eure Väter haben in der Wüste das Manna gegessen und sind gestorben. Und dann sagte er: Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist, und wer von diesem Brot isst, der wird leben in Ewigkeit; den wird nie mehr hungern, der wird nie mehr Durst haben. Christus hat sie alle satt gemacht mit Brot, Wein, Frieden, Gerechtigkeit. Wo immer er hinkam, liefen ihm die Leute zu und brachten ihre Kranken, sogar die Toten. Eigentlich hat Christus gar nicht Kranke geheilt oder Tote auferweckt, sondern wo er war, war einfach kein Raum für Krankheit und Tod. Wo Christus auch hinkam, war das Paradies, und im Paradies gibt’s das alles gar nicht. Er hat den Menschen so viel gegeben, wie sie brauchten. Wenn er die Menschen zum Essen eingeladen hat, sind alle satt geworden, so satt an Leib und Seele, dass sie sogar verzeihen konnten, umkehren konnten. Als sich der Jünger Johannes noch im hohen Alter an ihn zurückerinnerte, sagte er: Er war wie Licht - wie das Licht, das am Anfang war, und von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade. Was für ein Glück, was für einen nie gekannten Frieden müssen die Menschen empfunden haben, als sie sich auf ihn eingelassen haben. Vor allem jene Frauen, die es gewohnt waren, für die Bedürfnisse anderer da zu sein. Endlich jemand, der ihre Welt sieht, der sich ihnen zuwendet nur um ihrer selbst willen. Wir können ihm auch begegnen, wenn wir ihm, genau wie die Menschen damals, zeigen, wie bedürftig wir sind, wir sehr wir das alles brauchen, was er geben kann, und er gibt es uns. Er sagte: Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen. Er kann uns auch satt machen. Und wenn wir ihm gezeigt haben, was wir brauchen, dann lernen wir auch, es anderen zu zeigen. Ohne Christus opfern wir uns nur für andere auf, das erschöpft uns irgendwann. Aber mit Christus teilen wir von der Fülle aus, aus der wir vorher selbst geschöpft haben – so viel wir brauchen.

Frau Maier hat sich auf das Sofa gesetzt und gewartet, bis es klingelt. Das hat lange gedauert, es war schon nach acht. Sie öffnet die Tür und sagt kein Wort. Nachdem er drin ist, geht sie ins Schlafzimmer, macht die Tür zu und legt sich ins Bett für die Nacht. Zehn Minuten später geht die Tür wieder auf, aber da schläft Frau Maier schon tief und fest. Sie merkt wahrscheinlich nicht, dass sich David auf das Bett neben sie setzt, und beginnt, ihr über den Kopf zu streichen. Aber nach einer Weile wird er auch müde. Er legt sich neben sie und schläft sofort ein. Amen.